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Freitag, 22. Juli 2011

Lattwersch-Party

(Lattwersch = hessisch für Latwerge: Mus aus Zwetschgen oder Pflaumen)

Ich lebe hier in einer Kleinstadt im lieblichen Rhein-Main-Gebiet, Hochburg der Streuobstwiesen und des Ebbelwoi. Ich bin hier aufgewachsen und unser neues Häuschen steht auf einem Grundstück mitten in der Altstadt, in schöner Eintracht mit meinem Elternhaus. Wie alt dieses Haus tatsächlich ist, weiß kein Mensch, wir wissen eigentlich nicht mal genau, welches Jahrhundert wir bei der aktuellen Umfrage zur Wohnraumerfassung angeben müssen. Wir haben nur grobe Anhaltspunkte aus Häusern aus der näheren Nachbarschaft, bei denen gravierte Steine gefunden wurden – wohl so um 1650. Ein Haus mit Geschichte also und ich würde manchmal so einiges dafür geben zu sehen, was hier alles so los war.

Viel weiß ich leider nicht über die Zeit hier früher, aber ich weiß, dass vor meinen Eltern und mir meine Großtante mit ihrem Mann, nebst der Schwiegermutter wohnte und dass meine Großtante – eine resolute, anpackende und herzensgute Frau – erst einmal ordentlich aufräumte, nachdem sie hier eingeheiratet hatte. So war z. B. in der Wohnung, die ich später im Untergeschoss des Hauses bewohnte, einst der Ziegenstall untergebracht, direkt unter den Wohnräumen oben im Haus. Der Ziegengestank muss derart bestialisch die ganze Wohnung verpestet haben, dass meine Großtante Helene alsbald ein Ultimatum stellte: “Die Ziegen oder ich!”

Helene blieb und von ihr bekam ich die Geschichte über folgendes “Ritual” erzählt, dass ich einfach immer wieder schön finde:

In einem Nebengebäude auf dem Grundstück gibt es eine alte Waschküche, dort wurde früher in einem großen Kessel über dem Feuer die weiße Wäsche ausgekocht. Einmal im Jahr, wenn die “Quetsche” (hessisch für Zwetschge) reif waren, wurde der Kessel ordentlich geschrubbt und die ganze Nachbarschaft und alle Freunde trafen sich zum Lattwersch kochen. Das Mus muss viele viele Stunden (ich habe von bis zu zwölf gehört) gekocht und gerührt werden, also kamen alle zusammen, warfen ihre Zwetschgenernte in den großen Kessel und wechselten sich beim Rühren ab. Jetzt kann man sich ja ungefähr ausmalen, dass das keine allzu trübselige Angelegenheit war und ich bin mir ziemlich sicher, dass auch der eine oder andere Quetscheschnaps die Runde machte. Ich mache mir immer einen Spaß daraus mir vorzustellen, wie die Runde immer lustiger wurde, wie gesungen und gelacht wurde und am Ende alles dazu führte, dass sich nicht nur das Mus im Kessel, sondern auch vieles andere sich ziemlich drehte. (Das gehört jetzt aber schon in den Bereich der Legende). Vermutlich gab es dazu “Lewwerworschtbrot” (Leberwurstbrot) “Handkäs” und “Ebbelwoi”, denn bei den vielen süßen Gerüchen, ist einem ja eher nach etwas Herzhaftem. Und am Schluss gingen dann alle mit Ihren Töpfen voller leckerer “Lattwersch” nach Hause (… oder holten sie am nächsten Tag ab … zur Sicherheit).

Sagt mal: Ist das nicht eine prima Party!?

Den Kessel gibt es leider nicht mehr, aber immerhin wird im Hause Schneeschaf mit Gas gekocht und ich habe einen Riesengroßen Topf …. und ich will unbedingt einen Zwetschgenbaum in meinem Garten haben. – Hey irgendwann ist es so weit und hier startet nach vielen vielen Jahren Pause die nächste Lattwersch-Party. Wäre das nicht auch eine Idee für euch?

Ich habe meine Großtante in wunderbarer Erinnerung. Sie war eine gute, fleißige Frau und hat viel mit mir gesungen, als ich noch klein war. Ich war circa achtzehn, als sie starb und ich wünschte, ich hätte damals schon mehr Interesse an vielen Dingen gehabt und sie fragen können. Aber wie man halt so ist in dem Alter.

Ihre alte Pfaff-Nähmaschine steht oben in unserem Flur und hier in meinem Nähzimmer hängt ein Bild von Ihr und ihrer lebenslangen, allerbesten Freundin Zita bei einem Nähkurs aus dem Jahr 1921 (da muss sie fünfzehn oder sechzehn gewesen sein). Und falls ich irgendwann doch noch mal ein Mädchen bekommen sollte, dürft ihr jetzt drei mal raten, wie sie heißen wird …

Genau: Helene Zita

Kommentare:

  1. Was für eine wunderschöne Erinnerung!
    Das war bestimmt ein lustiger Tag, da hätte ich auch GER Mäuschen gespielt.
    Und zum Pflaumenbaum- auch ein akutes HabenwillGefühl. Denk mal an Pflaumenkuchen frisch vom Blech! *seufz*
    Ich wünsch Euch ein schönes Wochenende!

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  2. Den Lattwersch-Brauch gibt es auch im Saarland. Die Familie meines Vaters - eine richtig große Sippe sozusagen ;) - hat das sogar ab und an mal in heutiger Zeit praktiziert. D. Ich ein sehr lustiges Rezept in meinem Hochzeits-Kochbuch von meiner saarländer Verwandschaft: Man nehme 85 KG Zwetschgen, .... und gerührt wird von 9 Uhr bis ca. 17 Uhr :)

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  3. Nachdem ich gerade für eine Anleitung für "Laddwersch" gesucht habe im Internet, bin ich auf diesen Eintrag gestoßen. Mich würde interessieren, ob Deine Party zustandegekommen ist? Oder Du eine neue planst? Ich komme auch aus Südhessen und bin inzwischen nach Oberhessen "ausgewandert". Ganz liebe Grüße! Nadja

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